Die Geburtstagskarten

zu ihrem 60. Geburtstag letzten Oktober kramte ich aus einem ihrer Schrankfächer, weil ich den Auftrag erhielt, die Schränke etwas zu entrümpeln, damit die Pfleger ihre Utensilien da hinein sortieren können. So füllte ich noch einige Tüten mit Krempel und lud sie mit zu den Katzenmöbeln ins Auto.

Wie gesagt fand ich beim Ausräumen die Karten und musste feststellen, wie viele ihrer Geschwister überhaupt keinen Schimmer haben, was eigentlich mit ihrer Schwester los ist, welche Krankheit sie hat, und dass Gesundheit und Genesung zu wünschen der blanke Hohn ist. Ich bin wirklich schockiert und froh, dass sie das damals alles so gelassen hinnahm, denn sie bekam jede Karte vorgelesen vom Schenker. Krebs, Thrombose, Lungenembolie, Herzkrankheiten aller Art und so weiter - das kennt jeder. Von ALS jedoch hat niemand eine wirkliche Vorstellung, geschweige denn verinnerlicht, dass der Verlauf nicht von irgendeiner Besserung oder Stagnation gekennzeichnet ist, sondern dass sich der Zustand ständig verschlechtert und es überhaupt keine Therapie gibt.

Man kann einfach nur zusehen, wie sich ein normaler Mensch in ein "großes Baby" verwandelt. Ich kann nicht behaupten, dass diese bettlägerige, beschlauchte, spastisch verkrampfte, schwitzende, blinde, stumme Person irgendeine Ähnlichkeit mit meiner Mutter hat. Das einzig Verbliebene ist, dass ich mit ihrem Gehirn "verbunden" bin, denn das funktioniert noch und sie hört und versteht mich. Ansonsten ist nur lebendig, sonst nichts.

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